Musikschülerinnen und Musikschüler kommen meist einmal pro Woche in den Unterricht. Dazwischen üben sie selbständig – und nicht immer läuft alles wie geplant: Was, wenn jemand eine Frage hat? Übt eine Schülerin vielleicht unbemerkt etwas falsch ein? Oder verliert ein Schüler die Motivation, weil die Aufgaben zu wenig fordern?
«Die Zeit im Einzelunterricht reicht oft nicht, um alles Wichtige anzuschauen», sagt Matthias Tschopp von der Musikschule Zug. «Man muss Prioritäten setzen und viele Themen weglassen oder auf später verschieben. Hier können Apps einspringen und unterstützen.» – «Ich kenne aber keine App, die das bietet, was wir mit MILES planen – weder inhaltlich noch in der Funktionalität», ergänzt Beat Kappeler, der an den Musikschulen Reinach und Arlesheim im Kanton Basel-Landschaft unterrichtet. Er begann bereits vor mehreren Jahren, das Konzept für MILES zu entwickeln. Matthias Tschopp verfolgte parallel dazu mit der Sax Teacher Community und dem Saxophon Lernbaum seine eigenen Vorhaben. Als die beiden merkten, wie ähnlich ihre Ideen und Ansprüche waren – und wie gut sich ihre bisherige Arbeit ergänzte –, taten sie sich zusammen. Ein Glücksfall, wie beide sagen.
Mit MILES entwickeln die beiden ein modulares, intelligentes Lernsystem, das persönlichen Instrumentalunterricht mit selbständigem Üben verbindet und Schülerinnen und Schüler zwischen den Lektionen begleitet. Grundlage ist eine wachsende Sammlung hochwertiger Übungen, Musikstücke und weiterer Lernmaterialien. MILES analysiert das Spiel, erkennt Stärken und Schwächen und wählt gezielt die nächsten passenden Module aus. Aus den Spiel- und Lerndaten soll das System laufend dazulernen und seine Bewertungen präzisieren. So entsteht ein individuelles Lernmittel, das fordert und fördert. Wichtig ist den beiden Initianten: MILES ersetzt keine Lehrperson – es multipliziert ihre Wirkung.
Die erste Entwicklungsstufe von MILES ist für Saxophon vorgesehen. Sie soll das selbständige Üben in Bereichen wie Notenlesen, Blattspiel, Theorie, Rhythmus, Intonation und Technik unterstützen. So bleibt im persönlichen Unterricht mehr Raum für Interpretation und musikalische Gestaltung. Auch die Vorbereitung auf Stufentests ist als möglicher Einsatz vorgesehen.
Lehrpersonen können auf eine umfassende Sammlung pädagogisch erarbeiteter Module zugreifen und sie durch eigene Materialien ergänzen. MILES bündelt damit auch die hochwertigen Materialien, die viele Lehrpersonen über Jahre entwickeln. Das fördert den Austausch zwischen Lehrpersonen und die Vernetzung von Musikschulen.

Aktuell entsteht ein erster Prototyp, den Matthias Tschopp mit seinen Schülerinnen und Schülern testen wird. Parallel dazu strebt Beat Kappeler für ein wissenschaftliches Forschungsprojekt die Zusammenarbeit mit einer Hochschule an. Untersucht werden sollen bestehende digitale Angebote und die Bedürfnisse von Musikschulen. Forschung und Praxiserfahrungen sollen die weitere Entwicklung von MILES fundieren. Bevor das System breiter eingesetzt werden kann, müssen die pädagogischen Inhalte und technischen Funktionen zusammengeführt und im Unterricht erprobt werden.
Ihre bisherigen Erfahrungen mit digitalen Lernangeboten bestärken die beiden: Wenn Schülerinnen und Schüler bestimmte Inhalte selbständig vertiefen können, bleibt im Unterricht mehr Raum fürs gemeinsame Musikmachen. Sie erleben den Unterricht dadurch als abwechslungsreicher und stellen fest, dass ihre Schülerinnen und Schüler tendenziell mehr üben. Für sie zeigt sich darin das Potenzial digitaler Unterstützung: Sie kann das selbständige Üben bereichern und neue Freiräume für den Unterricht schaffen.

Beat Kappeler,
Musikschulen Reinach und Arlesheim
Matthias Tschopp,
Musikschule Zug